Aufstand des 17. Juni

In den frühen Morgenstunden des 17. Juni 1953 versammelten sich Bauern aus den umliegenden Dörfern, um am Sitz der Kreisverwaltung Jessen (Elster) lautstark zu protestieren. Damit unterstrichen sie ihre Forderung nach Herabsetzung der aufgestellten Normen und Abgaben. Weiterhin forderten sie unter anderem die Freilassung der inhaftierten Bauern vom zuständigen Staatsanwalt. Danach zog der Protestzug vom Jessener Schloß zum Marktplatz und durch die Straßen der Stadt.

Am Nachmittag traf der LKW mit den freigelassenen Bauern, die im Gefängnis Liebenwerder inhaftiert waren, auf dem Jessener Marktplatz ein. Dort wurden sie von den versammelten Menschen begrüßt.

Am späten Nachmittag wurde der Ausnahmezustand für den Kreis Jessen (Elster) ausgerufen. In der Erklärung des Ausnahmezustandes hieß es:

  1. Allen Bürgern, welche im Kreis Jessen wohnen, ist es verboten, irgendwelche Veranstaltungen und Demonstrationen durchzuführen.
  2. Ab 19.00 Uhr sind alle Restaurants, Kinos und andere Einrichtungen zu schließen.
  3. Alle Bürger dürfen sich nur in der Zeit von 6.00 Uhr bis 22.00 Uhr auf der Straße bewegen.
  4. Alle Personen, welche diesen Befehl übertreten, werden nach dem Kriegsgesetz zur Verantwortung gezogen.

Des Weiteren wurden Panzer der sowjetischen Armee an einigen Stellen postiert.

Quellen:

Auszug aus der Auswertung der Ereignisse seit dem 16. Juni 1953, Cottbus, 27.6.1953

Bezirksbehörde der Deutschen Volkspolizei Cottbus
Abteilung Sekretariat

Webschulallee 61-63
Fernruf 1434-1436, Hausapparat Nr. 4
Cottbus, den 27. Juni 1953
Aktenzeichen 14 00 25
Ha./Fa.

An den VVS-Nr. 01768/53
Chef der Deutschen Volkspolizei
Gen. Generalinspekteur M a r o n
B e r l i n

5 Exemplare je 28 Blatt
1. Ausfertigung

Betr.: Auswertung der Ereignisse seit dem 16. Juni 1953
Bezug: Fernschreiben Nr. 581 vom 21.6.1953


1.) Wann, wo und wie begannen die Provokationen im Bezirk?

Die faschistischen Provokationen begannen im Bezirk Cottbus in den frühen Morgenstunden des 17. Juni 1953 im Kreise Jessen. Hier sammelte sich bereits um 07.00 Uhr auf dem Marktplatz der Kreisstadt Jessen eine Menge von ca. 250 Großbauern gemeinsam mit einigen Arbeitern der volkseigenen Ziegelei Gorrenberge und der MTS Leitwerkstatt Jessen. Sie zogen vor das Gebäude der Kreisverwaltung und forderten dort vom Staatsanwalt die Freigabe aller inhaftierten Großbauern. Der Staatsanwalt, der hier bisher den Regierungsbeschluß vom 11. Juni 1953 über die Freilassung der inhaftierten Gefangenen mit Strafen bis zu drei Jahren nicht verwirklicht hatte, sprach zur Masse und machte einige Zugeständnisse. Hiernach zog sich die Menge von der Kreisverwaltung zurück, und es kam auf dem Marktplatz zu einigen provokatorischen Hetzreden. Uniformierte Volkspolizisten wurden hier noch nicht eingesetzt, jedoch wurden K-Angehörige in Zivil zum Erkennen der Rädelsführer auf dem Marktplatz eingesetzt. Der VP-Mstr. G. wurde hier von mehreren Personen überfallen und ihm mit Gewalt die Dienstwaffe entrissen. Sie wurde jedoch im Laufe des Tages auf dem VPKA abgegeben. Der Plan der demonstrierenden Großbauern, Delegationen zu den U-Haftanstalten Herzberg und Liebenwerda zur Befreiung der dort inhaftierten Großbauern zu entsenden, wurde durch taktische Maßnahmen vereitelt. Im Laufe des Vormittags löste sich die Demonstration in Jessen auf.

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Die Gesamtlage im Bezirk Cottbus wies am 17. Juni folgende Schwerpunkte auf:

Cottbus, Krs. Senftenberg, mit Lauchhammergebiet, VPKA Lübben und Jessen. In allen weiteren Kreisen des Bezirkes brodelte es, und es wurden Vorbereitungen getroffen zur Vergrößerung der Streikbewegung. Die Verhängung des Ausnahmezustandes entfachte vielerorts lebhafte Diskussionen, und wüste Hetzparolen wurden verbreitet.

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6.) Welche Schwerpunkte bildeten sich im Bezirk heraus?

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Als weiterer Schwerpunkt war zumindest zeitweilig die Demonstration der Großbauern in Jessen anzusehen. Die Kräfte des VPKA Jessen hätten unter Beachtung der zur Verfügung stehenden Waffen und Ausrüstung niemals die Lage bei ernsten Zwischenfällen meistern können. Zu beachten ist hier noch, daß Jessen mit 125 km Fahrstrecke der weiteste entfernte Kreis von der Bezirksstadt selbst ist. Die Lage in Jessen beruhigte sich jedoch im Laufe der Mittagsstunden des 17., zumal eine Anzahl der inhaftierten Großbauern noch am 17. in Freiheit gesetzt wurde.

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7.) Welche Maßnahmen wurden zu ihrer Bekämpfung eingeleitet?

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Die Lage in Jessen wurde im wesentlichen mit den dort vorhandenen örtlichen Kräften geklärt. Die nach dorthin entsandten Einsatzkräfte der BDVP brauchten nicht mehr in Aktion zu treten. Hervorzuheben ist besonders, daß der sowjetische Kreiskommandant in vorbildlicher Art alle lebenswichtigen Betriebe und Objekte selbst besetzte und auch nachts noch den Streifendienst im Kreis übernahm. Die Organe der VP brauchten sich somit nur mit der Festnahme der Rädelsführer befassen.

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13.) Bewertung des Verhaltens der anderen VP-Offiziere und Wachtmeister: Zustand der Disziplin

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Verletzte gab es auf Seiten der Volkspolizei einen Volkspolizisten. Der VP-Mstr. G. vom VPKA Jessen wurde von etlichen Großbauern in ein Handgemenge verwickelt und erhielt dabei Kratzwunden im Gesicht.

Verletzte unter den Bürgern unserer Republik gab es zwei. Im Kreis Jessen wurde einem Jungen Pionier beim gewaltsamen Abnehmen des Pioniertuches ein Finger gebrochen.

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F.d.R.
Leiter des Sekretariats Chef der BDVP
(Hannemann) (Schwerke)
VP-Rat VP-Inspekteur

Anlage I

Kurzzusammenfassung der Vorkommnisse im Bezirk Cottbus:

Demonstrationen und Streikhandlungen: insgesamt 76
Streikende: 39.042
Festnahmen: 120
durch Streik verlorene Arbeitsstunden: 364.266

Diese gliedern sich auf die Kreise auf:

Kreise Betriebe Anzahl der Streikenden verlorene Arbeits-
stunden
Festnahmen
Senftenberg 21 26 288 247 730 5
Cottbus 24 5 718 41 558 50
Lübben 8 2 143 31 743 19
Calau 5 1 240 21 280 4
Finsterwalde 4 860 6 520 1
Weißwasser 2 800 2 600 1
Hoyerswerda 2 754 7 383 1
Guben 3 645 2 713 -
Jessen 3 241 1 296 24
Herzberg 1 160 960 3
Spremberg 2 145 435 1
Luckau 1 48 48 -
Forst - - - -
Liebenwerda - - - -
insgesamt 76 39 042 364 266 120

 

Anmerkung: Nach dem Stand vom 28.6.1953 hat sich die Zahl der Festnahmen auf insges. 126 erhöht.

Streikbewegung an den einzelnen Tagen:

17.6. 11 017 Streikende 108 508 verlorene Arb.-Stunden
18.6. 14 983 " 137 514 "
19.6. 6 335 " 37 130 "
20.6. 5 532 " 68 544 "
22.6. 755 " 5 370 "
23.6. 600 " 7 200 "

 

Nachstehende Volkspolizisten fanden im Einsatz Verwendung:

Kreis Offz. Wachtm. weibl. VP-Angeh.
BDVP 80 196 3/42
Wacheinheit Cottbus - 91 -
Mot. Halbzug 1 15 -
VA Cottbus 9 238 67
VPKA Cottbus 29 131 1/31
_ Calau 11 31 1/7
_ Finsterwalde 10 114 8
_ Forst 9 79 14
_ Guben 8 94 21
_ Herzberg 8 38 1/15
_ Hoyerswerda 21 131 57
_ Jessen 4 37 15
_ Liebenwerda 15 87 23
_ Lübben 9 34 1/10
_ Luckau 5 37 12
_ Senftenberg 34 312 65
_ Spremberg 13 47 12
_ Weißwasser 7 86 17
_ VPA(B) Lauch- hammer 7 78 15


Zusammen: 290 1 865 396 davon 7 Offz.

Bisher wurden 4 freiw. VP-Helfer von ihren Aufgaben entbunden, da sie sich am Streik beteiligten. Über eine größere Anzahl sind in dieser Richtung noch Ermittlungen zu führen.

Der Einsatz der VP-Helfer selbst fand in den Kreisen unterschiedlich statt. Während in einigen Kreisen der Einsatz gut organisiert war, gab es in anderen erhebliche Mängel. Eine genaue Auswertung wird durch die Abt. Schutzpolizei geschaffen.

F.d.R.
Leiters des Sekretariats
(Hannemann)
VP-Rat

[Quelle: BArch, DO 1/11.0/305, Bl. 101-128 ( Auszüge); - Namen von den Hg. anonymisiert; vollständig veröffentlicht in: Torsten Diedrich/Hans-Hermann Hertle (Hrsg.), Alarmstufe "Hornisse". Die geheimen Chef-Berichte der Volkspolizei über den 17. Juni 1953, Berlin 2003.]

Quelle: http://www.17juni53.de/karte/cottbus/bdvp.html